ASB bildet Behinderte zu Bürokaufleuten aus Lehre unter realen Bedingungen

Wer schwer körperlich behindert ist, hat wenig Möglichkeiten auf dem "ersten" Arbeits- und Ausbildungsmarkt. In für ihn geeigneten Sonderschulen kann er oft nur einen Hauptschulabschluss machen. Der ASB in Ulm bietet solchen Leuten reelle Ausbildungschancen.

UTE HEIDBRINK

Dennis Spill ist 25 und ein helles Köpfchen. Der junge Mann leidet an einer spastischen Lähmung und sitzt im Rollstuhl. Die Schule absolvierte er in einer Sondereinrichtung für schwer Körperbehinderte. Sein Abschluss: Hauptschule. Nahtlos kam er danach in einer Werkstätte für Behinderte unter.
"Mann, war mir da langweilig", sagt Spill rückblickend. Um sich die Langeweile zu vertreiben, beschloss er, den Realschulabschluss zu machen und startete - "just for fun" - einen entsprechenden Kurs bei der vh seiner Heimatstadt Oberhausen. Dort machte ihn ein Lehrer auf eine Annonce aufmerksam, in der der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) Ulm Schwerstbehinderten eine Ausbildung zum Bürokaufmann anbot. Seit September 2001 ist Spill "ein fröhlicher und motivierter Azubi bei uns", wie Martin Grünitz, Abteilungsleiter beim ASB, sagt.

Die Lehre beim ASB auf dem Kuhberg hat für Spill einen ganz bedeutenden Vorteil: es handelt sich um eine Ausbildung unter ganz normalen Bedingungen. Etwa ein Dutzend junge, schwer körperbehinderte Menschen durchlaufen die drei Lehrjahre, "ohne dass ihnen irgendwelche fachlichen Zugeständnisse gemacht werden", betont Ausbildungsleiter Ralf Kinzler. Die Azubis besuchen die Friedrich-List-Berufsschule (Kinzler: "die Zusammenarbeit ist hervorragend"), durchlaufen nach vier bis sechs Anfangsmonaten in der ASB-Übungsfirma die verschiedenen Stationen in der Verwaltung und lernen da vom Einkauf über die Organisation der Fahrdiensteinsätze bis hin zum Controlling alles, was zu lernen ist. Um dann vor der Prüfungskommission der IHK eine ganz normale Prüfung abzulegen. Einziges Zugeständnis an die behinderten Prüflinge: der zeitliche Ablauf der Prüfungen wird ihren Bedürfnissen angepasst.

Während der drei Lehrjahre lernen die jungen schwer behinderten Azubis noch etwas anderes: alleine zurechtzukommen, in einer eigenen Wohnung oder einer kleinen Wohngemeinschaft zu leben, sich selbst zu versorgen und die für viele nötige Pflege selbst zu organisieren. Das, räumen Martin Grünitz und Dennis Spill übereinstimmend ein, "ist manchmal schon ein Problem".

Keine leichte Aufgabe

Erwachsenen zu Selbständigkeit zu verhelfen ist keine ganz leichte Aufgabe, hat man im ASB-Ausbildungszentrum gelernt. Zur Unterstützung und Hilfestellung gibt es deshalb einen eigenen pädagogischen Dienst, der die Behinderten begleitet und ihnen nötigenfalls auch das notwendige Selbstvertrauen vermittelt.

Dennis Spill muss man dieses Selbstvertrauen nicht mehr beibringen, er hat es inzwischen. Und schaut deshalb durchaus auch kritisch in seine Umgebung. In seiner Heimatstadt Oberhausen, sagt er, sei zum Beispiel der Nahverkehr für Leute wie ihn besser organisiert. Dort gebe es fast nur noch Niederflurbusse. "In Böfingen, wo ich mit einem Mit-Azubi wohne, fahren vorwiegend noch die alten Busse, da komm ich gar nicht rein", berichtet er. Also muss er oft den Fahrdienst der sozialen Einrichtungen in Anspruch nehmen, dafür aber zahlen. In öffentlichen Verkehrsmitteln hat der Schwerstbehinderte freie Fahrt. Dass er für den Fahrdienst zahlen muss, obwohl er gar keine Alternative hat, empfindet er deshalb "schon als eine Art Abzocke". Probleme gibt es auch sonst genug: Von den zahlreichen Kinos in Ulm und Neu-Ulm sind nur ganz wenige für Rollstuhlfahrer erreichbar, gleiches gilt für Gaststätten.

Doch dass keine Zweifel aufkommen: Dennis Spill ist hochzufrieden mit der Chance, die sich ihm über die Ausbildung beim ASB eröffnet. Etwa 20 junge Bürokaufleute haben seit Beginn des Projekts 1998 diese Ausbildung abgeschlossen - "mal mit besseren, mal mit etwas schlechteren Noten, aber alle haben bestanden", sagt Grünitz.

Und weit mehr als die Hälfte haben eine Stelle im so genannten ersten Arbeitsmarkt gefunden, dem Arbeitsmarkt also, auf dem sich alle nach Stellen umtun, die nicht mit körperlichen oder anderen Einschränkungen leben müssen. Einige wenige hat der ASB übernommen.

Inzwischen gibt es noch ein Erfolgserlebnis für die beim ASB, die sich gegen viel Skepsis mit der Idee der ganz normalen Ausbildung für Schwerstbehinderte durchgesetzt haben: Ein Paar, das sich während der Ausbildung kennengelernt hat, hat eine eignene Wohnung bezogen und will demnächst heiraten.