Quelle: Südwest-Presse

23.Februar.04

 

Das Leben ist schön

 

Autor: RUDI KÜBLER

 

Ihr zweites, ihr richtiges Leben beginnt nach einem Sturz aus dem Fenster. 4. Stock. Das Auto, das direkt am Haus steht, mildert den Aufprall etwas - als Eva Bailly in der Klinik aufwacht, ist sie allerdings querschnittsgelähmt. Vom zweiten Lendenwirbel an abwärts, und die Ärzte machen der damals 32-Jährigen nur wenig Hoffnung, dass sie ihre Beine wieder wird bewegen können. Sechs Jahre ist der Unfall her. Sechs Jahre, die sie nicht über ihr Schicksal lamentierend verbracht hat, sondern die sie genutzt hat, Fuß zu fassen in einem Leben, von dem sie heute sagt: ''Es ist schön.'' Das lässt sich über ihr erstes Leben nicht sagen, es endete auf dem Autodach. Mit dem Unfall, der kein Unfall war, sondern . . . ? Fenster auf und raus. Antwortet sie. Darüber zu sprechen, fällt Eva Bailly schwer. Verständlicherweise. Sie hatte das Fenster selbst geöffnet, sie war von alleine gesprungen. Wollte mit dieser Kurzschlusshandlung alles hinter sich lassen - vor allem sich selbst und ihre Drogenabhängigkeit. ''Ich bin nur noch im Kreis gelaufen'', blendet sie in eine Zeit zurück, die sie in schrecklicher Erinnerung hat. Heroin, Kokain. Wie das so ist: Ein Arbeitskollege hatte das Zeug eines Abends mitgebracht, ihr Freund schnupfte, sie schnupfte. Zuerst einmal im Monat, dann einmal in der Woche, dann einmal am Tag.'' Die Drogen standen im Vordergrund, der Rest war uns egal.'' Sie stürzten sich immer tiefer in Schulden; die Landschaftsgärtnerei, die ihr Freund betrieb und wo die gebürtige Stuttgarterin arbeitete, ging mit der Zeit vor die Hunde; die Beziehung verkam zur Zweckgemeinschaft, die nur ein Ziel kannte: an Drogen ranzukommen.

 

Ihr letzter Hilferuf verhallt

 

Dem Sog zu entfliehen, war unmöglich. Sicher, wie so viele Drogenabhängige machte sie eine Entgiftung, um kurze Zeit später wieder Heroin zu nehmen. Der ersten Therapie folgte die zweite, dann drei Monate in der Psychiatrie - eine elende Zeit, ''es ging mir immer schlechter''. Und ihr letzter Hilferuf aus der anderen Welt, der der tiefen Depression, verhallte ungehört: Der Psychologe hatte ihre Andeutung (''was, wenn ich aus dem Fenster springe?'') nicht für voll genommen. Bis sie sprang. Ein Sprung, der sie ins Leben zurückbrachte. ''Es war gut so, dass der Unfall passiert ist'', sagt sie heute, da sie die Vergangenheit und die Folgen des Sturzes verarbeitet hat.

 

Der Neustart war freilich hart - am Anfang war sie permanent auf Hilfe angewiesen. Inzwischen verlässt sie ihren ständigen Begleiter, den Rollstuhl, wann immer es geht. Schiebt den Gehwagen vor sich her. Die Nerven waren nicht vollständig durchtrennt,'' in ein Bein ist die Kraft zurückgekehrt''. Die Muskelkraft. Unterhält man sich mit der zierlichen, dunkelhaarigen Person, dann spürt man die mentale Stärke der 38-Jährigen. Wie sonst hätte Eva Bailly den zermürbenden Kampf gegen die Landesversicherungsanstalt (LVA) gewinnen können? Gegen die Damen und Herren, die vom weichen Sessel aus ihre Paragraphen ins Feld führten: die kann nicht mehr arbeiten, die gehört in Rente. Schublade auf, Bailly rein, Schublade zu. Fertig.

 

Widerstand gegen die Rente

 

Die LVA hatte allerdings nicht mit dem Widerstand der jungen Frau gerechnet. Rente? ''Nein, ich wollte arbeiten.'' Zwei Jahre zog sich die Auseinandersetzung hin, immer wieder habe die Gegenseite einen Paragraphen aus dem Köcher gezogen, um ihre Rückkehr ins Berufsleben zu verhindern. ''Erst bei einem Prozess vor dem Sozialgericht hat mich ein LVA-Mitarbeiter zum ersten Mal gesehen.'' Die Sache richtig ins Rollen aber brachten der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) Ulm und die Behindertenbeauftragte des Bundes. Letztere hatte Eva Bailly um Unterstützung angeschrieben - die sie auch bekam. Ein paar Telefonate später war sie nicht mehr in Rente; im September 2002 trat sie umgehend ihre Ausbildung zur Bürokauffrau an, die Lehrstelle, die ihr der ASB Ulm schon Monate zuvor in Aussicht gestellt hatte.

 

Die Energie, die sie aufgewendet hatte, machte sich also bezahlt. Und das doppelt. Jüngst erhielt Eva Bailly den Reha-Preis der gewerblichen Berufsgenossenschaften, der ''Menschen mit Behinderungen Mut machen soll, wenn sie gegen viele Schwierigkeiten den Weg ins Arbeitsleben finden wollen''.

 

Dass sie diesen Preis erhalten habe, sei toll. Sagt Eva Bailly. Viel wichtiger aber dürfte ihr eines sein: ''Ich steh' jetzt mitten im Leben.''